Reinhard Kocznar, Schriftsteller  
Die Erstickung
Die Erstickung
Thriller

Edition KoCheck, 2011, Hardcover, 768 Seiten
€ 18,50
ISBN 978-3-9502628-3-4


 

Weiters:

 

 

Die Erstickung - Thriller

Leseprobe

Es war völlig still. Es war schlagartig so still geworden, dass man den besonders leisen Kühlschrank hörte. So still war es mir in meiner Wohnung noch nie vorgekommen. Ich erwartete niemanden, nicht um diese Zeit.

„Wer kann das sein?“, fragte Tina.

„Keine Ahnung.“

„Ich ziehe mich an.“

Tina nahm ihre Sachen von der Couch und verschwand im Bad, ich ging in den Vorraum. Am Bildschirm der Schließanlage erschien ein Mann. Er war stämmig, untersetzt, sein schwarzes Haar voll und nicht zu kurz geschnitten. Er trug eine dünne Messingbrille und wirkte freundlich. Unter dem Arm hielt er eine Aktentasche, die nicht ganz zu dem T-Shirt passte. Mehr als den Oberkörper sah ich nicht. Er war allein. Ich öffnete.

„Guten Tag“, sagte er freundlich und etwas zu laut, „ich bin von den Stadtwerken. Darf ich hereinkommen?“

Wenn der Mann von den Stadtwerken kam, dann war ich Klingone. Den Offiziellen konnte er schwer verbergen. Dass er es dennoch versuchte, ließ darauf schließen, dass er wirklich ein entgegenkommendes Wesen hatte.

Er zeigte mir diskret einen Ausweis, ‚correction advisor’ stand darauf. Das angelsächsische Kauderwelsch verwendete heute jeder, der irgendetwas zu sagen hatte. Dieser Mann hatte eine Menge zu sagen, denn er kam von der Sozialversicherung. Ich bat ihn herein.

Am Bildschirm erschien eine Liste. Die zeigte mir an, welche elektronischen Geräte an dem Mann identifiziert worden waren. Ich verbarg diese Sicherheitskontrolle vor keinem Besucher. Den dazu gehörenden Scanner hatte ich über Beziehungen erhalten, ohne Garantie auf lückenlose Erkennung. Die entsprechende Erweiterung meiner Türschließanlage entsprach keinesfalls dem üblichen Angebot. Der Mann bemerkte es und lächelte.

„Sie sind vom Fach“, sagte er, „aber mich müssen Sie doch so herein lassen, wie ich bin. Ich muss auch darauf hinweisen, dass dieses Gespräch visuell sowie auditiv aufgezeichnet wird. Das dient sowohl der Qualitätskontrolle wie der Dokumentation. Es ist auch möglich, dass sich der Supervisor aktiv in das Gespräch einbringt.“

Der Supervisor saß in der Behörde vor seinen Bildschirmen und überwachte die Aktivitäten seines Abgesandten.

„Kein Problem“, bestätigte ich und bat ihn ins Wohnzimmer.

Er war Exekutor in Diensten der Sozialversicherung, obwohl auf seinem Ausweis etwas anderes stand. Früher hatten sie nur ausständige Beiträge eingetrieben, da war auf dem Ausweis auch noch drauf gestanden, was sie wirklich waren. So direkt sprach man das nicht mehr aus. Mittlerweile waren diese Leute auch für individuelles Fehlverhalten zuständig, um die Gemeinschaft der Versicherten vor Schaden zu bewahren.

Ich bot ihm Platz an und setzte mich auf die Couch. Er nahm eine dünne Akte aus der Tasche und legte sie neben dem Stuhl auf den  Boden.

„Manfred Huber“, stellte er sich vor.

Tina kam zurück, sie begrüßte ihn freundlich und setzte sich zu mir. Offizielle Gespräche begannen immer in vollkommener Harmonie, sie verliefen auch meistens bis zum Ende so. Die Besuchten waren ohnehin freundlich, es blieb ihnen nichts anderes übrig, und die Besucher hatten zahlreiche Gesprächstrainings in gewaltfreier Sprache absolviert. Letzten Endes wollten sie alle nur helfen. Für Tina war es der zweite offizielle Anlass in meiner Wohnung, und das in weniger als zwölf Stunden. Was sie gestern aus der Fassung gebracht hatte, war der Tod Rettenbachers, dem Druck der allgegenwärtigen Gesinnungskontrolle hielt sie problemlos stand. Sie war viel härter als ihr Aussehen vermuten ließ. Der Exekutor war ziemlich das Gegenteil von ihr, aber sicher nicht aus Schwäche. Er ging seinen Job gemütlich an und suchte keine Konfrontation. Vermutlich war ihm nichts anderes übrig geblieben, als in einer der zahlreichen Jobrotationen diese Tätigkeit anzunehmen.

„Ich stelle mich vor der Türe draußen immer so vor, die Nachbarn müssen ja nicht alles wissen“, sagte Huber und wandte sich an Tina, „Sie sind die Gemahlin?“

Das war eine Höflichkeitsfloskel, er wusste, dass ich nicht verheiratet war. Tina überging das und lächelte ihn strahlend an. Ich kam auf seine Einleitung zurück.

„Ihr Verhalten ist sehr freundlich“, bestätigte ich, obwohl mir das anders herum auch völlig gleichgültig gewesen wäre, „aber was liegt an? Bevor wir beginnen, wollen Sie Kaffee?“

Huber war überrascht und nahm an, Tina stand auf um Kaffee zu machen. Dann kam er zur Sache.

„Nach unseren Unterlagen scheint eine Situation zu bestehen, die eine mögliche Gesundheitsgefährdung für Sie vermuten lässt. Vorher muss ich Ihnen sagen, dass dieses Gespräch freiwillig ist. Sie müssen nicht darüber reden...“

„Ich habe damit gar kein Problem“, ermunterte ich ihn, „reden wir.“

„Sie haben in den letzten zehn Tagen umfangreiche Einkäufe an alkoholischen Getränken getätigt. Es ist nicht nur viel gewesen, sondern es zeigt auch eine signifikante Abweichung von Ihren Gewohnheiten. Um genau zu sein: fünf Flaschen Whisky. Da Sie bislang einen verantwortungsvollen Umgang mit diesen unerwünschten, weil gesundheitsgefährdenden Getränken gezeigt haben und Ihre Laborwerte korrekt sind, wurde von einem offiziellen Gespräch abgesehen. Nach diesen Einkäufen ist die Dienststelle aber besorgt. Wollen Sie dazu etwas sagen?“

Mir war klar gewesen, dass die fünf Extraflaschen auffallen würden, aber mit einem Besuch hatte ich deshalb nicht gerechnet. Die Funketiketten auf den Flaschen ließen im Zusammenwirken mit den Chips in meinen Ausweispapieren eine präzise Zuordnung von Ware und Käufer zu. Am Point of Sale wurden die Daten zusammengeführt. Die Supermarktkette wusste alles, und meldepflichtige Verkäufe wanderten mit den persönlichen Daten zu den jeweiligen Behörden.

Es klirrte, Tina stellte die Tassen auf den Tisch. Sie legte ihre Hand auf meinen Arm, als sie mir die Tasse zuschob. Dieses Gespräch konnte durchaus unangenehm werden, wenn man Angestellter war oder von öffentlichen Aufträgen lebte.

„Das kann ich Ihnen erklären“, sagte ich, „obwohl ich das gar nicht gern tue.“

Ich erwartete jeden Moment, dass sich der Supervisor „einbrachte“. Der sah aber wohl gerade auf einen anderen Bildschirm.

„Vielen Dank, mir ist das genauso unangenehm.“

Das glaubte ich ihm. Tina rührte in ihrem Espresso herum.

„Meine Whisky-Lieblingssorte ist seit Jahren bereits im ersten Quartal ausverkauft. Ich habe durch Zufall ein paar Flaschen gefunden und sie sofort für mich gesichert.“

Sein Verhalten änderte sich in derselben Sekunde. Welche Sorten aus waren, wussten die Gesundheitswächter genau. Er redete weiter, aber die Akte legte er in seine Tasche. Die Sache war für ihn erledigt.

„Ich verstehe“, sagte er, „wir mussten dem aber nachgehen, weil Sie noch einen zweiten Risikofaktor aufweisen. Der ist leider nicht von der Hand zu weisen, obwohl sich Ihr Gewicht im Rahmen der Richtwerte bewegt.“

Mit dem zweiten Risikofaktor meinte er das Rauchen. Im privaten Bereich war das noch erlaubt, allerdings war es immer schwieriger festzustellen, wo der begann und wo er endete. Ich nickte und nahm einen Schluck Espresso. Der Kaffee war noch nicht geächtet, obwohl mittlerweile fast nur mehr koffeinfreier verwendet wurde. Die Kaffeeindustrie war aber längst in einem Rückzugsgefecht gegen die Gesundheitsmafia gefangen.

Gruber war fertig, er stand auf, ich begleitete ihn zur Türe. Er sah noch einmal auf den Bildschirm, auf dem die Auswertung seiner Ausrüstung erschien.

„Gute Übersicht“, bemerkte er, „und sogar vollständig.“
Ich schüttelte ihm die Hand und schloss wieder ab.
 

 

 
  Nach oben
Reinhard Kocznar, Innsbruck
  Impressum/Copyright - Kontakt - Sitemap - Downloads - Shop
  Bearbeitet im August 2011, FotografieKocznar, VersicherungsmaklerKoCheck Communications