Vor Tagesanbruch ein Öko-Thriller
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Vor Tagesanbruch - ThrillerLeseprobe„Dann evakuieren Sie die Stadt doch“, platzte ich heraus. Dieser Gedanke war naheliegend, es musste Gründe geben, warum das nicht geschehen war. „Eine andere Sache ist das mit dem grünen Kaugummi. Der weiße Felsen scheint es auszuschwitzen. Es zerfällt im Sonnenlicht rasch und verliert seine Wirkung. Gefährlich ist es nachts, bis vor Tagesanbruch.“ Genau um diese Zeit hatte ich mir dort oben die Beine vertreten. Ich hatte nichts ausgelassen, um mich zu gefährden. „Das Hauptproblem können wir bis heute nicht genau beschreiben. Die Krankheitsbilder sind zu unterschiedlich, die Mortalität hier ist sehr hoch. Seit dem Ereignis am 29. Mai, so ist die Sprachregelung, stehen wir bei ungefähr 44.000 Todesfällen. Wir hatten keine Zeit und keine Mittel, die Geschehnisse zu erforschen, wir versuchen nur, einstweilen über die Runden zu kommen. Niemand lässt uns mehr hinaus, von Evakuierung kann also keine Rede sein. Von einer Heimkehr ihrerseits natürlich auch nicht.“ Das wachsende Gefühl der Beklemmung, das ich auf den menschenleeren Strassen vor dem Pass noch beiseite geschoben hatte und das seit der Konfrontation mit dem Militär immer stärker wurde, mündete nun in einen Anfall von Panik, den ich nur mühsam unterdrücken konnte. Ein Alptraum, dachte ich, gleich wache ich auf. Dann fahre ich los und komme nie mehr hierher zurück. Ich versuchte, mich aus diesem Zustand zu lösen, der aus einer eigenartigen Mischung von Lähmung und Zorn bestand. Die Stadt zählte laut meiner Karte an die 70.000 Einwohner. Mit der Peripherie, deren Bewohner sicher in den Folgetagen in die Stadt gekommen waren, konnte man diese Zahl wohl verdoppeln. Die Region hatte also in acht Wochen ein Viertel der Einwohner verloren. Wenn man eine erhöhte Zahl von Fällen in den ersten Tagen annahm, dann musste die Todesrate in der Woche sicher an die dreitausend betragen. „Treffend analysiert“, sagte er trocken, ich hatte wohl laut nachgedacht. Ich sagte nichts darauf. Die Zahlen waren niederschmetternd. Wie weit würde das gehen? „Aber alle Erfahrung lehrt, dass so etwas irgendwann zum Stillstand kommt“, versuchte ich mir Mut zu machen. „Solche Überlegungen stellen wir auch an, vor allem aber stellt sie der externe, übergeordnete Krisenstab an, da draußen im sicheren Hinterland“, sagte Jean bitter. Obwohl er sich vor einigen Minuten so unerwartet an meinen Tisch gesetzt und mich zum Gefangenen erklärt hatte, gab er damit zu verstehen, dass wir im selben Boot saßen. Ich schob die nächste Befürchtung, festgesetzt und in eine Quarantänestation gebracht zu werden, wieder weg. Was sollte „die Außenwelt“ auch tun? Wenn es ein Gegenmittel gäbe, wäre die Seuche jetzt, nach fast zwei Monaten, wenn schon nicht ausgerottet, so zumindest unter Kontrolle gebracht. Davon konnte keine Rede sein. „Und wie weit kann das gehen bis sie zum Stillstand kommt?“ wollte Inge wissen. „Im Mittelalter tötete die Pest binnen weniger Wochen bis zu sechzig Prozent der Bevölkerung“, stellte ich fest. Jean nickte, derartige Berechnungen hatte man angestellt. Damit verlief diese Seuche also etwas langsamer als die Pest, dennoch mit derselben Gründlichkeit. „Ändert sich die Todesrate?“ fragte ich. Er zuckte die Achseln. Entweder wusste er es nicht oder es wurde schlimmer. Ich versuchte, meine Überlebenschance auszurechnen. Bis zum Herbst musste die Bevölkerung auf vierzig Prozent der Ursprünglichen reduziert sein, wenn das so weiter ging. Einen Anhaltspunkt, dass dann Schluss wäre, hatte ich nicht heraus gehört. Es schien, als ob die Kellnerin fast unhörbar aufgeatmet hätte. An eine Restchance hatte sie wohl nicht gedacht. Es stand also sehr schlecht. Ich verwarf den Gedanken an eine baldige Rückkehr und ersetzte ihn durch die Hoffnung, lange genug zu leben, um überhaupt eines Tages von hier weg zu kommen. Jeans Handy läutete. Er sagte ein paar Mal ja, dann legte er auf. „Haben wir uns jetzt verstanden?“ „Sieht danach aus“, sagte ich deprimiert. „Am besten nehmen Sie gleich hier im Hotel ein Zimmer. Inge kann Ihnen ein paar Tage zur Seite stehen, bis Sie sich zurecht gefunden haben.“ „Was ist ‚das Ereignis’?“ fragte ich. „Wir wissen es nicht, um ehrlich zu sein. Draußen weiß es auch keiner. Ein Forschungslabor ist hochgegangen, von der ganzen Anlage ist nichts übrig. Dabei war sie weiß Gott nicht klein. Labor, Lager, Verwaltung, alles weg. Mittlerweile ist ein Sarkophag drüber, der hat allein einige tausend Opfer gekostet.“ „Der ist aber offensichtlich nicht dicht“, stellte ich fest, „da scheint trotz allem etwas ausgekommen zu sein, wenn ich an den Pass denke.“ „Das mit dem Pass klang gar nicht gut, ist aber wohl nicht zu ändern. Nach Westen hin ist es abgeschlossen“, sagte er nachdenklich, „irgend etwas hat sich aber gleich anfangs unterirdisch zu uns nach Osten durchgefressen. Es wabert unter der Erde dahin, unkontrollierbar.“ Mein Espresso war kalt geworden. Inge bemerkte es und stand auf, um einen neuen zu besorgen. „Wir haben noch ein Problem - um genau zu sein, Sie haben eines.“ Inge kam zurück, ich trank den Espresso in einem Zug aus. „Der Wagen ist zwar so weit in Ordnung“, fuhr er fort, „das habe ich vorhin telefonisch erfahren. Es sind aber Spuren von dem grünen Zeug drin festgestellt worden. War da noch etwas?“
Jetzt ist es so weit, dachte ich. Warum bist du ausgestiegen? Ich erzählte von dem Sturz und dass ich mir das Schienbein
angeschlagen hatte.
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| Bearbeitet im Februar 2010, Fotografie • Kocznar, Versicherungsmakler • KoCheck Communications | ||