REINHARD KOCZNAR

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Im Detail


Die Erstickung - Thriller

Die Erstickung

Thriller

Die Überwachung der Bürger ist mit dem Fortschritt der Technik auf einer nie gekannten Höhe angelangt. Funkchips in Ausweisen, Geräten, Kleidern, Lebensmittelpackungen und sogar Banknoten lassen den Weg ihrer Besitzer lückenlos nachverfolgen. Meldepflichtige Artikel, z.B. Alkoholika, werden automatisch den Behörden gemeldet.

Das ist längst nicht alles, zur Videoüberwachung kommen wirksamere Methoden hinzu. Die Rasterfahndung der siebziger Jahre sieht dagegen alt aus. Zugleich wuchern die Vorschriften. Eine Anstellung ist ohne Unbedenklichkeitsbescheinigung der Sozialversicherung nicht mehr möglich.

Ein Ermittler erhält den Auftrag, eine Frau zu suchen. Sie ist verschwunden, nachdem sie erhebliche Teile der Familienstiftung an einen dubiosen Geschäftsmann verkauft hat. Sie befindet sich in den Katastrophengebieten des hitzegeplagten Südeuropas. Dort sammeln sich die Ausgestoßenen und Desperados.

Der Ermittler ist bereit, alles auf sich zu nehmen, um der erdrückenden Vorsorge wenigstens für einige Wochen zu entkommen. Rascher als erwartet ist er aber in einer viel schlimmeren Lage...

Leseprobe ...

Presse & Rezension

Helmuth Schönauer Tirolerin Tiroler Tageszeitung Buchpräsentation

Details

Die Erstickung
Thriller
Edition KoCheck, 2011, Hardcover, 768 Seiten
ISBN 978-3-9502628-3-4

LESEPROBE


Es war völlig still. Es war schlagartig so still geworden, dass man den besonders leisen Kühlschrank hörte. So still war es mir in meiner Wohnung noch nie vorgekommen. Ich erwartete niemanden, nicht um diese Zeit.

„Wer kann das sein?“, fragte Tina.

„Keine Ahnung.“

„Ich ziehe mich an.“

Tina nahm ihre Sachen von der Couch und verschwand im Bad, ich ging in den Vorraum. Am Bildschirm der Schließanlage erschien ein Mann. Er war stämmig, untersetzt, sein schwarzes Haar voll und nicht zu kurz geschnitten. Er trug eine dünne Messingbrille und wirkte freundlich. Unter dem Arm hielt er eine Aktentasche, die nicht ganz zu dem T-Shirt passte. Mehr als den Oberkörper sah ich nicht. Er war allein. Ich öffnete.

„Guten Tag“, sagte er freundlich und etwas zu laut, „ich bin von den Stadtwerken. Darf ich hereinkommen?“

Wenn der Mann von den Stadtwerken kam, dann war ich Klingone. Den Offiziellen konnte er schwer verbergen. Dass er es dennoch versuchte, ließ darauf schließen, dass er wirklich ein entgegenkommendes Wesen hatte.

Er zeigte mir diskret einen Ausweis, ‚correction advisor’ stand darauf. Das angelsächsische Kauderwelsch verwendete heute jeder, der irgendetwas zu sagen hatte. Dieser Mann hatte eine Menge zu sagen, denn er kam von der Sozialversicherung. Ich bat ihn herein.

Am Bildschirm erschien eine Liste. Die zeigte mir an, welche elektronischen Geräte an dem Mann identifiziert worden waren. Ich verbarg diese Sicherheitskontrolle vor keinem Besucher. Den dazu gehörenden Scanner hatte ich über Beziehungen erhalten, ohne Garantie auf lückenlose Erkennung. Die entsprechende Erweiterung meiner Türschließanlage entsprach keinesfalls dem üblichen Angebot. Der Mann bemerkte es und lächelte.

„Sie sind vom Fach“, sagte er, „aber mich müssen Sie doch so herein lassen, wie ich bin. Ich muss auch darauf hinweisen, dass dieses Gespräch visuell sowie auditiv aufgezeichnet wird. Das dient sowohl der Qualitätskontrolle wie der Dokumentation. Es ist auch möglich, dass sich der Supervisor aktiv in das Gespräch einbringt.“

Der Supervisor saß in der Behörde vor seinen Bildschirmen und überwachte die Aktivitäten seines Abgesandten.

„Kein Problem“, bestätigte ich und bat ihn ins Wohnzimmer.

Er war Exekutor in Diensten der Sozialversicherung, obwohl auf seinem Ausweis etwas anderes stand. Früher hatten sie nur ausständige Beiträge eingetrieben, da war auf dem Ausweis auch noch drauf gestanden, was sie wirklich waren. So direkt sprach man das nicht mehr aus. Mittlerweile waren diese Leute auch für individuelles Fehlverhalten zuständig, um die Gemeinschaft der Versicherten vor Schaden zu bewahren.

Ich bot ihm Platz an und setzte mich auf die Couch. Er nahm eine dünne Akte aus der Tasche und legte sie neben dem Stuhl auf den  Boden.

„Manfred Huber“, stellte er sich vor.

Tina kam zurück, sie begrüßte ihn freundlich und setzte sich zu mir. Offizielle Gespräche begannen immer in vollkommener Harmonie, sie verliefen auch meistens bis zum Ende so. Die Besuchten waren ohnehin freundlich, es blieb ihnen nichts anderes übrig, und die Besucher hatten zahlreiche Gesprächstrainings in gewaltfreier Sprache absolviert. Letzten Endes wollten sie alle nur helfen. Für Tina war es der zweite offizielle Anlass in meiner Wohnung, und das in weniger als zwölf Stunden. Was sie gestern aus der Fassung gebracht hatte, war der Tod Rettenbachers, dem Druck der allgegenwärtigen Gesinnungskontrolle hielt sie problemlos stand. Sie war viel härter als ihr Aussehen vermuten ließ. Der Exekutor war ziemlich das Gegenteil von ihr, aber sicher nicht aus Schwäche. Er ging seinen Job gemütlich an und suchte keine Konfrontation. Vermutlich war ihm nichts anderes übrig geblieben, als in einer der zahlreichen Jobrotationen diese Tätigkeit anzunehmen.

„Ich stelle mich vor der Türe draußen immer so vor, die Nachbarn müssen ja nicht alles wissen“, sagte Huber und wandte sich an Tina, „Sie sind die Gemahlin?“

Das war eine Höflichkeitsfloskel, er wusste, dass ich nicht verheiratet war. Tina überging das und lächelte ihn strahlend an. Ich kam auf seine Einleitung zurück.

„Ihr Verhalten ist sehr freundlich“, bestätigte ich, obwohl mir das anders herum auch völlig gleichgültig gewesen wäre, „aber was liegt an? Bevor wir beginnen, wollen Sie Kaffee?“

Huber war überrascht und nahm an, Tina stand auf um Kaffee zu machen. Dann kam er zur Sache.

„Nach unseren Unterlagen scheint eine Situation zu bestehen, die eine mögliche Gesundheitsgefährdung für Sie vermuten lässt. Vorher muss ich Ihnen sagen, dass dieses Gespräch freiwillig ist. Sie müssen nicht darüber reden...“

„Ich habe damit gar kein Problem“, ermunterte ich ihn, „reden wir.“

„Sie haben in den letzten zehn Tagen umfangreiche Einkäufe an alkoholischen Getränken getätigt. Es ist nicht nur viel gewesen, sondern es zeigt auch eine signifikante Abweichung von Ihren Gewohnheiten. Um genau zu sein: fünf Flaschen Whisky. Da Sie bislang einen verantwortungsvollen Umgang mit diesen unerwünschten, weil gesundheitsgefährdenden Getränken gezeigt haben und Ihre Laborwerte korrekt sind, wurde von einem offiziellen Gespräch abgesehen. Nach diesen Einkäufen ist die Dienststelle aber besorgt. Wollen Sie dazu etwas sagen?“

Mir war klar gewesen, dass die fünf Extraflaschen auffallen würden, aber mit einem Besuch hatte ich deshalb nicht gerechnet. Die Funketiketten auf den Flaschen ließen im Zusammenwirken mit den Chips in meinen Ausweispapieren eine präzise Zuordnung von Ware und Käufer zu. Am Point of Sale wurden die Daten zusammengeführt. Die Supermarktkette wusste alles, und meldepflichtige Verkäufe wanderten mit den persönlichen Daten zu den jeweiligen Behörden.

Es klirrte, Tina stellte die Tassen auf den Tisch. Sie legte ihre Hand auf meinen Arm, als sie mir die Tasse zuschob. Dieses Gespräch konnte durchaus unangenehm werden, wenn man Angestellter war oder von öffentlichen Aufträgen lebte.

„Das kann ich Ihnen erklären“, sagte ich, „obwohl ich das gar nicht gern tue.“

Ich erwartete jeden Moment, dass sich der Supervisor „einbrachte“. Der sah aber wohl gerade auf einen anderen Bildschirm.

„Vielen Dank, mir ist das genauso unangenehm.“

Das glaubte ich ihm. Tina rührte in ihrem Espresso herum.

„Meine Whisky-Lieblingssorte ist seit Jahren bereits im ersten Quartal ausverkauft. Ich habe durch Zufall ein paar Flaschen gefunden und sie sofort für mich gesichert.“

Sein Verhalten änderte sich in derselben Sekunde. Welche Sorten aus waren, wussten die Gesundheitswächter genau. Er redete weiter, aber die Akte legte er in seine Tasche. Die Sache war für ihn erledigt.

„Ich verstehe“, sagte er, „wir mussten dem aber nachgehen, weil Sie noch einen zweiten Risikofaktor aufweisen. Der ist leider nicht von der Hand zu weisen, obwohl sich Ihr Gewicht im Rahmen der Richtwerte bewegt.“

Mit dem zweiten Risikofaktor meinte er das Rauchen. Im privaten Bereich war das noch erlaubt, allerdings war es immer schwieriger festzustellen, wo der begann und wo er endete. Ich nickte und nahm einen Schluck Espresso. Der Kaffee war noch nicht geächtet, obwohl mittlerweile fast nur mehr koffeinfreier verwendet wurde. Die Kaffeeindustrie war aber längst in einem Rückzugsgefecht gegen die Gesundheitsmafia gefangen.

Gruber war fertig, er stand auf, ich begleitete ihn zur Türe. Er sah noch einmal auf den Bildschirm, auf dem die Auswertung seiner Ausrüstung erschien.

„Gute Übersicht“, bemerkte er, „und sogar vollständig.“
Ich schüttelte ihm die Hand und schloss wieder ab.
 

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PRESSE & REZENSION


REZENSION

von Helmuth Schönauer

Nur wer aus der Zukunft lernt, kann die Gegenwart verstehen. - Als gelernter Versicherungsmensch weiß Reinhard Kocznar nicht nur die Risken einer Versicherung für die Zukunft abzuschätzen, er kann auch aus der Fiktion in der Zukunft skurrile Gegenwartsrealität schaffen.

Im Überwachungsthriller „Die Erstickung“ schlägt sich ein so genannter Ermittler durch die durchaus handgreifliche Zukunft Europas, geht in einem Mix aus Kafkas Landvermesser und dienstlich abgeschmuddeltem Privatdetektiv Philip Marlowe absurden Aufträgen und Richtlinien nach, und erlebt dabei zwischen Cyberorgien handfesten Sex und Crime.

Schon das Ambiente ist für einen beispielsweise am Bildungsroman gereiften Leser abenteuerlich. Europa ist vermutlich wegen Tomatenüberanbau am südlichen Teil völlig vertrocknet, was wir momentan noch aus Mauretanien oder Algerien kennen, ist längst die Verfassung halb Europas geworden. Das heißt, aus einer bevölkerten und überwachten Kernzone heraus werden ständig Vorstöße und militärische Coups in einen wüsten und verwüsteten Halbkontinent hinein getätigt.

Die Beamten sind Cyborgs, also jene Mischwesen aus mechanischer Freundlichkeit und kontrollierter Schläfrigkeit, wie sie heute bereits überall in den Service-Stellen herumstehen. Für Romantiker aufschlussreich ist der Begriff Leser, der nicht etwa ein Buch lesendes Wesen meint, sondern ein digitales Zeichenerfassungsgerät. Und ausgelesen wird alles: wer mit wem, wie die einzelnen Organe des Bürgers beisammen sind, sogar den Alkoholika werden Chips eingebaut, sodass man die Leberwerte des Endverbrauchers sofort ablesen kann. Wie ja überhaupt in jedem Geldschein ein Sicherheits-Chip eingebaut ist, damit man Schwarzgeldzahlungen überwachen kann.

In diesem Ambiente erhält der Ermittler einen scheinbar trivialen Auftrag. Er soll für eine semi-kriminelle, sprich wirtschaftlich tätige Dynastie ein verschwundenes Mitglied ausfindig machen, das sich in die Outback-Zone abgesetzt hat.

Jetzt passiert zweierlei, einerseits verpufft die Realität vollends in einem digitalisierten Erfassungsrausch, andererseits kriegen die Dinge Gefühle.

So verlieren Handys etwa ihr Gedächtnis (117) und wer seine Ermittler-Nase zu weit vorstreckt, dem wird die Fresse nach Manier der Fünfziger Jahre mit einem „soft nose bullet“ (Bleispitzgeschoss) poliert.

„Nimm mich mit, sagte sie, du bekommst eine Begleiterin ohne Schoßhund, und ohne Chip. Drüben komme ich allein weiter.“ (100)

Der Verlauf der Handlung, ist in einem Kapitel-Verzeichnis abzulesen, da wimmelt es von Erwartungs-starken Begriffen wie Auftrag, Buschflug, Erstickung, Festung, Outback. Die Fiktion hält sich ähnlich einer populärwissenschaftlichen Arbeit an die Begriffe, und reißt dann den Leser doch jäh in eine abenteuerliche Seitendrift.

Das genaue Ende der Erstickung darf naturgemäß hier nicht verraten sein, aber der Thriller lässt sich mit Hingabe lesen unter dem Aspekt einer europäischen Überwachungsapokalypse. Und mit dem Gelächter abgebrühter Adventure-Hasen, die entscheidende Vermittlungsagentur heißt nicht von ungefähr wie bei einem abgetakelten Finanzminister: Tom und Jerry. - Elegante Spannung! Reinhard Kocznar hat erzähltechnisch fein ausgetüftelt etwas recht Seltenes geschafft. Er bedient sich frech eines Genres, ohne dies zu beschädigen und setzt ihm einen neuen Erzählpflock ins Herz. Er ironisiert die gängigen Versatzstücke der Dracula-Romane, und erweckt sie dadurch zu glaubhaftem Realismus. Er erzählt den Mythos aus rumänischen Zeiten in einem international verstrickten Sound moderner Geschäftstransaktionen. Und die Zweiteilung des Romans in einen vorderen Teil mit öffentlicher Wahrnehmung und einen hinteren Teil mit einem rasenden Kommentar eines Akteurs gibt dem Roman innen und außen einen schrillen blutigen Schliff. Der moderne Dracula-Roman ist also weiblich, hochtechnisiert und an der aufgeschnittenen Pulsader der Zeit!

Helmuth Schönauer 24/02/11


Tirolerin

Horrorszenario

Dem Titel entsprechend ist der aktuelle Thriller von Reinhard Kocznar beklemmend, bedrückend, ja "erstickend". Er prangert den überdimensionierten Kontroll-Staat an, lässt kaum etwas aus, was Angst und Schrecken im Alltag auslöst; das alles in kurzen, prägnanten Sätzen, schnell, wie aus der Pistole geschossen. Prägnant und zielsicher erzählt er seine Story vom Ermittler auf der suche nach einer vermissten Frau, irgendwo im hitzegeplagten Süden Europas. Dort sammeln sich die Desperados.

Ein Trost bleibt dem Ich-erzählenden Protagonisten: "Die Kugel, die dich trifft, spürst du nicht!"... Aalglatte Spannung für Freunde von "Transformer" und ähnlichen Thrillern.

Tirolerin, Mai 2011


REZENSION

Cajus M. Netzer

"Die Erstickung" ist ein Thriller, der in naher Zukunft spielt. In dieser sind die EU-Staaten zu gesundheitstotalitären Wohlfahrtsstaaten geworden. Über RFID-Chips werden die Einkäufe jedes Bürgers überwacht. Wer zu viel Alkohol kauft, bekommt besuch von der Sozialversicherung. Die Berufsausübung ist nur mit Unbedenklichkeitsbescheinigung möglich, sogar Freiberufler sind bei ihrer Tätigkeit strikt an die Einhaltung von Prozessen gebunden, die ihnen von Behörden vorgegeben werden.

Der Protagonist, ein freiberuflicher "Datenschnüffler", erhält den Auftrag, eine verschwundene Frau aus einer einflussreichen Familie zu suchen. Diese wurde zuletzt nahe der französisch-spanischen Grenze gesehen. Südeuropa ist durch Klimaveränderungen weitgehend zur Wüste geworden. In dieser Region sammeln sich diejenigen, die der Bevormundung entfliehen wollen, oder die nichts mehr zu verlieren haben. Der Protagonist, der der erdrückenden Bevormundung in Mitteleuropa zumindest teilweise entkommen will, nimmt den Auftrag an.

Den Hauptteil des Buches bildet dann die Beschreibung dessen, wie er im Grenzgebiet viele Abenteuer erlebt, zeitweise aktiver Bürgerkriegsteilnehmer wird, immer wieder in Lebensgefahr gerät und dabei versucht, seinen eigentlichen Auftrag zu erfüllen. Er stellt fest, dass dieses Leben ihm trotz der Gefahren und Unannehmlichkeiten mehr entspricht als das im behüteten Wohlfahrtsstaat.

Die Darstellung, wohin ausufernder Verbraucherschutz und Antidiskriminierung führen können, ist stellenweise fast satirisch: Bäume im Außenbereich eines Restaurants versehen mit Warnhinweisen, dass sich in Bäumen auch Insekten aufhalten können. Oder ein Bordell, in dem Prostituierte gleichartig weite Umhänge tragen, damit die Gäste nicht die älteren oder weniger attraktiven diskriminieren. Für norddeutsche Leser bremsen die häufigen Austriazismen manchmal den Lesefluss. Dennoch ist es ein anregender Thriller, dessen Lektüre sich lohnt.

Cajus M. Netzer


Buchpräsentation

Die Erstickung

27. Jänner 2011, in der Buchhandlung Morawa, Innsbruck, Lesung mit Pepi Pittl


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REINHARD KOCZNAR


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