REINHARD KOCZNAR

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Hamster im Laufrad

Hamster im Laufrad

Essay

Es ist etwa vierhundert Jahre her, dass die Scholastik durch die Empirie abgelöst worden ist. Man hörte auf, Fragestellungen so zu beantworten, dass sie ins jeweilige Weltbild passten. Die daraus entstandene Wissenschaft hat uns weit voran gebracht. Seit der Jahrtausendwende ist allerdings Schluss damit. Neues zu entdecken verträgt sich nicht mit der Flut an Best Practices, Richtlinien, Verboten, Ethikkommissionen und Peer Reviews. Neues war immer unzeitgemäß und setzte sich schon ohne diese Bleigewichte schwer durch.

Heute haben wir Computermodelle, welche in die Zukunft weisen. Bei einem Programm kommt allerdings heraus, was die Programmierer hineingeschrieben haben, und nicht nur das, auch, was sie übersehen oder fehlerhaft programmiert haben. Wir haben die Wissenschaft durch wissenschaftlich verbrämte Fiktion ersetzt.

Leseprobe ...

Presse & Rezension

Helmuth Schönauer Ursula Neuhauser ORF Tirol

Details

Hamster im Laufrad
Essay
Limbus, 2013
Gebunden mit Lesebändchen
120 Seiten
ISBN 978-3-902534-92-7

Preis: € 10,00

LESEPROBE


Ein erheblicher Teil der Menschheit ist heute in der komfortablen Lage, seine Geschicke weitgehend selbst bestimmen zu können. Erstaunlicherweise scheint dieses Produkt – die Freiheit – am Markt vorbei entwickelt zu sein. Anstatt von ihr unbefangen Gebrauch zu machen, haben wir damit begonnen, alles und jedes in ein immer enger werdendes Korsett von Regeln, Richtlinien, Zielkorridoren, Best Practices und natürlich Verboten zu zwingen.

Nicht alle stört das, und zumindest ein Teilaspekt ist leicht erklärbar. Regelungen und Verbote haben nämlich auch den Vorzug, dass sie den Neid verringern. Was Wagemutigen oder Unternehmungslustigen verboten ist, kann bei Ängstlichen oder Zaghaften keinen Neid hervorrufen. Dieser Vorzug kann aber nur begrenzt begeistern, er befriedigt niedrige Instinkte und erklärt das Problem nicht. Ich gehöre jedenfalls zu denen, welche an dieser Flut von Regeln Missvergnügen empfinden. Sie führt zu einem armseligen Leben, ferngesteuert, ohne die Fernsteuerung sehen zu können.

Interessanterweise kam genau zu der Zeit, in der der kybernetische Mensch Wirklichkeit zu werden begann, der Ausdruck „Lebensplanung“ auf. In die öffentliche Wahrnehmung geriet er hierzulande durch den kurzzeitigen Kanzlerdarsteller Viktor Klima, dessen eher pazifistische Partei einen „war room“ verwendete, um den Kanzler zu visualisieren. Schon ist auch von „Lebensentwürfen“ die Rede. Auch das ist Unsinn. Die Vorstellung, ein ganzes Leben zu planen, stellt sogar die gescheiterten Fünfjahrespläne des ebenso gescheiterten Comecon in den Schatten.

In den Siebzigern hingen die Spontis paradoxerweise der Planwirtschaft an, was den Philosophen Leszek Kołakowski zur spöttischen Bemerkung veranlasste, das Paradies sei erreicht, wenn alles geplant und spontan zugleich sei.

Diese Ansichten sind überholt. Es gibt keinen Plan mehr, stattdessen ist programmiert, was abläuft. Auf dieses Programm hat niemand mehr Einfluss. Es bewirkt aber, dass der Apparat damit nach und nach alles eliminiert, was er nicht zum Funktionieren braucht. Die Folge ist ein System von Reduktionen. „Experten“, die Stichwortgeber des Journalismus, entdecken laufend Dinge, die schädlich sind oder die man nicht braucht. Studien gibt es wie Sand am Meer, für jeden Bedarf ist gesorgt. Dann wird das betreffende Bedrohungsszenario aufgebaut und die Eliminierung vorbereitet. Dasselbe gilt auch längst für geschichtliche Fakten, große Namen und dergleichen. Der kybernetische Mensch braucht sie nicht, um zu funktionieren.

Von den Reduktionen abgesehen steuert der Apparat die Tagesabläufe immer mehr und immer genauer, von „Lebensentwürfen“ zu sprechen klingt da schon lächerlich. So ein Leben ist wie ein Tag, und die Tage summieren sich zu einem erlebnislosen Leben. Natürlich wird das völlig anders gesehen. Verbote gelten als fortschrittlich. Niemand entdeckt heute noch neues Land. Das bringt uns natürlich nicht voran, es behindert nur. So besteht Fortschritt nur mehr im Verbessern von Bekanntem oder in endlosem Recycling von Überholtem.

Ein weiteres Paradoxon bei der Ausweitung der Regeln ist das Betonen von Rechten. Bei genauer Betrachtung ist das widersinnig. Kam der Mensch früher mit der Erbsünde zur Welt, von der er mit der Taufe befreit wurde, so wird er heute mit einem globalen Entschädigungsanspruch geboren, weil er von vornherein in irgendwelchen Rechten verkürzt wurde. Der moderne Mensch hat nur mehr Rechte, die sich vornehmlich um den Konsum drehen. Pflichten kennt er nicht mehr, ausgenommen die, alles zu bezahlen, was programmbedingt schiefgegangen ist. Davon gibt es genug, und auch das kontrastiert eigenartig mit der Sicherheit, die validierte Regeln und Verfahren bieten sollten.

Trotz der ständig wachsenden Sicherheit sind wir eine Gesellschaft von Rettern geworden, die nicht müde wird zu retten und zu bewahren. Große Namen sind nicht mehr zeitgemäß, wir werfen sie über Bord und retten stattdessen gescheiterte Programme. Schon das erste US-Banken-Hilfspaket, an das sich längst niemand mehr erinnert, kostete mehr als der Irak- und Afghanistankrieg zusammen. Dieses Paket war das erste in einer endlosen Reihe weiterer, kein Staat, keine Gesellschaftsform blieb verschont.

Diese Generation ist die erste in der Geschichte der Menschheit, die es schaffte, den Frieden teurer zu machen als den Krieg. Es geht hier nicht um Kosten, obwohl wir uns daran gewöhnt haben, zu bezahlen. Es geht darum, woran wir uns gewöhnen und wie leicht es uns zu fallen scheint. Wir Europäer schicken Emissäre nach China, um Bürgerrechte einzufordern. Gleichzeitig sehen wir zu, wie der übergeordnete Apparat sie hierzulande abschafft. In einer einzigen Generation wurden Rechte einfach aufgegeben, die in Jahrhunderten erkämpft worden sind. Das Briefgeheimnis ist nur eines von zahlreichen Beispielen. Manche schreiben diese Entwicklung auch der wuchernden Bürokratie zu. Deren Wesen hat bereits Cyril Northcote Parkinson treffend erklärt, ohne dass diese leicht nachvollziehbaren Erkenntnisse die geringsten Folgen nach sich gezogen hätten. Seine Beobachtung, dass das Kolonialministerium weiter wuchs, während die Anzahl der Kolonien schrumpfte, ist so bekannt wie wahr. Wahr ist auch, dass eine Behörde oder Einheit noch weiter wächst, selbst wenn die Kernaufgaben völlig entfallen sind. Das grenzenlose Wachstum, an das Ökonomen und Politiker noch immer glauben, ist wenigstens an dieser Stelle realisierbar.

Vor der Wirkung glaubt man an andere Ursachen als nach der Wirkung, erklärte Nietzsche das Wesen von Ursache und Wirkung. An der Kraft des Glaubens hat sich im Zeitalter der Wissenschaft nichts geändert.

„Erforderlich sind mehr Wettbewerb und mehr Freiräume statt immer wieder neue Regeln, Normen und Gesetze“, sagte der Präsident der Industriellenvereinigung zum Neujahrsempfang. Es ist gleichgültig, welcher Präsident das in welchem Jahr sagte. Er und seine Peers sagten das in den Jahren zuvor und werden es in den nächsten Jahren sagen. Natürlich haben sie recht, es ist die reine Wahrheit. Sie übersehen dabei aber vollkommen, dass die Wirtschaft selbst nichts als Regeln und Standards definiert, in nicht geringerem Ausmaß. Vom Apparat gesteuert fällt es ihnen gar nicht mehr auf.

Dieser Essay befasst sich damit, wie es dazu kommen konnte und dass Abhilfe nicht von oben oder von außen zu erwarten ist. Die Lösung hat Epikur schon vor über zweitausend Jahren erkannt: Es ist sinnlos, von den Göttern zu fordern, was man selbst zu leisten vermag. Das gilt auch für den Apparat und sein Programm.

 

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PRESSE & REZENSION


TIROLER GEGENWARTSLITERATUR

von Helmuth Schönauer

Für manche Zustände sind Beamtenwitze am erklärungsfreudigsten: Treffen sich zwei unkündbare Hamster, fragt der eine, in welchem Modell rennst du?

Reinhard Kocznar geht seine Hamster-Analyse witzig wie einen Beamtenwitz an, er wählt dabei den Standpunkt eines Außenstehenden, der wohlwollend auf das rennende Getier schaut, der aber auch weiß, dass er selbst in einem Meta-Rad seine Runden dreht.

In zwölf Episoden (wegen 11a sind es natürlich dreizehn!) zeigt der Autor jene Grenze auf, wo der Mensch aus seiner eigenen Entscheidungskraft aussteigt und sein Tun von Apparaten übernommen wird. Das Lieblingswort ist dabei Apparat, das durchaus als die große Fassung eines Apps angesehen werden kann. Und Apps haben schon längst die Weltherrschaft übernommen.

Am Beispiel des Luftverkehrs, wo Piloten quasi wie Crash-Dummys ins Cockpit gesetzt werden, während der Autopilot alles übernimmt, wird erklärt, dass es zumindest bei der Letztentscheidung kein friedliches Nebeneinander zwischen Mensch und Apparat gibt. Das Wesen des Apparates ist es, unbarmherzig und allumfassend zu sein. Auch das Börsenwesen ist längst in die Hand von Apparaten geraten, wo in Milli-Sekunden der Handel abgewickelt wird, während der Mensch noch damit beschäftigt ist, sich Zahlen vorzustellen.

Niemand soll sich dem Trugschluss hingeben, dass er nicht längst gesteuert ist. Wer sich ein „kostenpflichtiges Einkaufsgerät“ zulegt, ist mit seinem Flachgerät bereits ein fester Bestandteil des Apparates. Die Handys, Smartphones und anderen Dinger dienen nämlich nur als Einsaug-Stutzen für die kostenpflichtigen Dienste, die im Sekundentakt heruntergeladen werden. Der Tagesablauf besteht fortan im permanenten Downloaden, Gefällt-mir-Drücken, Einkaufen und Aufladen des Akkus. Als Belohnung für unser kräftiges Mitspielen werden unsere Daten vernetzt und gespeichert, bis auch die letzte Ritze von uns ausgekundschaftet ist.

Noch nie hat sich eine Gesellschaft freiwillig mit solcher Begeisterung ins Hamsterrad gesetzt und zu „appen und appeln“ begonnen.

Aber es gibt einen Ausweg: Stecker ziehen und ausschalten. Alles andere unterstützt bloß diese Apparatur, die uns versklavt. Denn Hamsterräder sind heute nicht mehr rund sondern flach mit runden Kanten.

Wie schwer dieser Ausstieg ist, wenn man einmal bei seiner Ehre gepackt worden ist, zeigt der Film die „Brücke am Kwai“. Nur um den Japanern zu beweisen, dass Engländer bessere Ingenieure sind, bauen diese dem Feind eine Brücke, die sie mit einer pfiffigen Melodie unterlegen. Auch unsereins gibt sein letztes Hemd, wenn er dafür ein glitzerndes App kriegt.

Reinhard Kocznars Hamster-Essay ist durchaus aufweckend, auch wenn vielleicht niemand sein Verhalten ändert. Aber das ist die Aufgabe eines Essays: auszuprobieren, ob die Welt nicht anders sein könnte, als wir sie uns in unserem geistigen Einschicht-Hof vorstellen. Reinhard Kocznar erzählt professionell und Thriller-perfekt. Mit jener Coolness, mit der üblicherweise Gebrauchsanweisungen Schritt für Schritt abgearbeitet werden, arbeitet er seinen spannenden Fall ab. Denn es geht um so wuchtige Themen wie Leben und Tod, Selbstrettung und Untergang, Individuum und Katastrophe. Für den Leser, der in einer scheinbar geordneten Welt sitzt, schleicht allmählich eine verrückte Frage durch die Zeilen heraus wie Kampfgas. Was ist, wenn unsere scheinbar so logisch wirkende Welt in Wirklichkeit völlig anders ist und wir mitten in einer Katastrophe sitzen? Was ist, wenn wir schon längst erledigt sind, und es bloß noch nicht mitgekriegt haben? – „Vor Tagesanbruch“ ist ein Thriller, der zwischendurch bis an den Rand des Vorstellbaren geht.

Helmuth Schönauer 08/10/13


Alles unter Kontrolle

von Ursula Neuhauser

Die Unterbindung der zwischenmenschlichen Kommunikation, durch die Dauerkontrolle der Apparate, hat zum Ziel, eine zivile Gesellschaft zu entsolidarisieren. Menschen die mit standardisierten Computerprogrammen arbeiten, erleben zweierlei, es bedeutet ein mehr an Arbeit, die Programme, sind nicht alltagskompatibel, weil es die Möglichkeiten des Zufalls, in der Verkettung von Ursache und Wirkung ausschließt. Das bedingt in letzter Konsequenz die Gleichschaltung von Menschen. Eine Bedrohung die nicht offensichtlich, die verschleiert, die schleichend.

Der Autor Reinhard Kocznar beschreibt in seinem Buch Hamster im Laufrad sehr eindringlich und mit anschaulichen Beispielen. Wie der Mensch in Unternehmen als Restrisiko, durch Begriffe, wie der daraus bedingten Sicherheit, einer ständigen Kontrolle überführt wird. Die in eine Entmündigung des menschlichen Verstandes endet, mit der Rückkopplung der Schuldhaftigkeit des Einzelnen. Der Autor fordert uns mit seinen Essay auf, darüber nach zudenken, was verloren gegangen und der aufkommenden Gefahr des noch zu Verlierenden.

Hinzuschauen mit den Mut, auf das, was droht abhanden zu kommen. Das scheinbar nicht Notwendige, die Freude am Spiel, das Freiräume für den Zufall schafft. Mit der Möglichkeit, einer persönlichen Weiterentwicklung im Unerwarteten, durch Erkenntnisse im Denken und Handeln. Um es mit dem vom Autor gewählten Zitat von Lao Tse aus zu drücken, Lerne das Unerwartete erwarten. Kann eine der Möglichkeit darstellen, uns von den Fesseln des Apparates zu befreien.

Reinhard Kocznars Hamster-Essay ist durchaus aufweckend, auch wenn vielleicht niemand sein Verhalten ändert. Aber das ist die Aufgabe eines Essays: auszuprobieren, ob die Welt nicht anders sein könnte, als wir sie uns in unserem geistigen Einschicht-Hof vorstellen. Reinhard Kocznar erzählt professionell und Thriller-perfekt. Mit jener Coolness, mit der üblicherweise Gebrauchsanweisungen Schritt für Schritt abgearbeitet werden, arbeitet er seinen spannenden Fall ab. Denn es geht um so wuchtige Themen wie Leben und Tod, Selbstrettung und Untergang, Individuum und Katastrophe. Für den Leser, der in einer scheinbar geordneten Welt sitzt, schleicht allmählich eine verrückte Frage durch die Zeilen heraus wie Kampfgas. Was ist, wenn unsere scheinbar so logisch wirkende Welt in Wirklichkeit völlig anders ist und wir mitten in einer Katastrophe sitzen? Was ist, wenn wir schon längst erledigt sind, und es bloß noch nicht mitgekriegt haben? – „Vor Tagesanbruch“ ist ein Thriller, der zwischendurch bis an den Rand des Vorstellbaren geht.

Ursula Neuhauser


ORF Tirol

von Klaus Horst

Und mehr als einmal kommt einem beim Lesen ein Nicken in den Sinn: „Jawoll, recht hat er, genauso ist es“. Wirklich ein toller Essay, dem auch vorbehaltlos zugestimmt werden kann.

Klaus Horst


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REINHARD KOCZNAR


SCHRIFTSTELLER