REINHARD KOCZNAR

EU-Upgrade


Dramolett

Ort: Correction advisory unit der Generaldirektion MDXXVI der Europäischen Gemeinschaft, in einer österreichischen Landeshauptstadt.

(Die Generaldirektion MDXXVI ist unter dem volkstümlichen Namen Wohlfühl-GD bekannt und in der Gemeinschaft zuständig, um die gute Politik der Gemeinschaft besser zu verkaufen. Dafür unterhält sie in größeren Städten correction advisory units.)

Es treten auf: Lukas Bierstingl, 51, nicht arbeitslos und Maga Petra Klugbeisser, 26, correction advisory consultant. Als correction advisor hat sie eine Zusatzausbildung in gewaltfreier Sprache.

Die Problemstellung: Ältere, weniger gebildete Menschen sollen von jüngeren, besser Gebildeten upgegraded werden.


Maga. Klugbeisser (gewinnend lächelnd): Herr Bierstingl, Sie sind mit der Tram gekommen. Hatten sie eine angenehme Fahrt?

Lukas Bierstingl (etwas mürrisch): Hier ist meine Vorladung, können Sie mir die abstempeln?

Maga. Klugbeisser (noch freundlicher): Herr Bierstingl, lassen Sie uns erst ein wenig reden. Wir gehen doch beide davon aus, dass Ihnen eine dauerhafte Verhaltensänderung Vorteile bringt und Sie sich in unserer Gemeinschaft besser wohlfühlen werden, nicht wahr?

Lukas Bierstingl: Bringen wir es hinter uns. Mir reicht es schon, dass ich gezwungen bin, hierher zu kommen.

Maga. Klugbeisser: Gewisse Maßnahmen sind notwendig, wenn wir vorankommen wollen. Sie sollten dieses Gespräch als Chance sehen, statt als Verpflichtung.

Lukas Bierstingl: Ja, Demokratie war gestern. Heute haben wir Experten.

Maga. Klugbeisser: Sehen Sie, diese EU-feindliche Bemerkung könnte Sie bald in Schwierigkeiten bringen, darum sind wir hier. Die Gemeinschaft ist absolut demokratisch. Wollen Sie darüber reden?

Lukas Bierstingl: Nein, danke, erklären Sie es mir lieber.

Maga. Klugbeisser: Aber gern. Wie Sie wissen, steht an der Spitze der EU die Kommission. Die ist die Regierung.

Lukas Bierstingl (ätzend): Toll. Hätte ich nicht gewusst. Gewählt habe ich sie nicht.

Maga. Klugbeisser (noch stärker lächelnd): Das müssen Sie auch nicht, das erledigen ausgewiesene Experten für Sie. Auf österreichische Verhältnisse umgelegt würde das so aussehen:
Alle Staaten im Staat, also der ORF, die Diakonie, Licht ins Dunkel, die Salinenverwaltung, die Präsidentenkonferenz der Landwirtschaftskammern, die Wirtschaftskammer, Ö3, die Verbundgesellschaft, Red Bull und so weiter, die entsenden jeweils einen Minister in die Regierung.
Auf die EU umgelegt sind das die Kommissare, die von den Mitgliedsstaaten entsandt werden. So weit klar?

Lukas Bierstingl (vorsichtig): Vollkommen.

Maga. Klugbeisser: Diese Staaten im Staat einigen sich auf einen Bundeskanzler. Auf die EU umgelegt ist das der Kommissionschef. Klar?

Lukas Bierstingl: Ja.

Maga. Klugbeisser: Der Bundeskanzler - also der Kommissionschef - teilt jedem Minister - oder Kommissar - ein Ressort zu.

Lukas Bierstingl: Natürlich, Frau Magistra.

Maga. Klugbeisser: Dazu kommt das Europäische Parlament. Dieses Parlament kann der Kommission jederzeit das Misstrauen aussprechen.

Lukas Bierstingl: Ach, jetzt verstehe ich. Damit hat das Parlament ja ein leicht einzusetzendes Werkzeug für den täglichen Gebrauch. Einleuchtend, vielen Dank, Frau Magistra.

Maga. Klugbeisser (nachsichtig lächelnd): Sie verstehen sehr schnell, lassen sie mich sagen, dass ich sehr glücklich darüber bin.

Lukas Bierstingl (steht auf): Auf Wiedersehen.

Maga. Klugbeisser (bleibt sitzen und reicht ihm die Hand): Sich das Rauchen abzugewöhnen war schwerer, nicht wahr?

Lukas Bierstingl: Ich habe nie geraucht.

Maga. Klugbeisser: Sehen Sie, man kann alles erreichen, wenn man nur will.

Lukas Bierstingl geht ab und bekommt eine Eins.

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REINHARD KOCZNAR


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