REINHARD KOCZNAR

Für einen fahrradfreien Sonntag


Über die Gründung der Selbsthilfegruppe "Fahrradfreier Sonntag".(2007)

Ohne Abbitte kann ich nicht beginnen, ohne Eingeständnis meines Kleingeistes keine Zeile in die Tastatur klopfen. Ich gestehe, dass ich lange Zeit befangen war, das Grand Design nicht erkannte. Das hat sich geändert, ich bin geläutert und zerknirscht. Also beichte ich. Ich hielt Radfahrer für lange Zeit einfach für Terroristen. Das sind diejenigen, die im Gegensatz zu Touristen Sympathisanten haben, und zwar nicht wenige. Ich ärgerte mich, wenn sie am Gehsteig fuhren, über den Zebrastreifen, gegen die Einbahn, im Park und natürlich im Wald.

Dass sie auf Spazierwegen hinter einem daherkommend so früh klingeln wie ein BMW-Fahrer auf der Autobahn schon kilometerweit zurück im Rückspiegel blinkt, auch wenn man beileibe nicht kriecht, ärgerte mich maßlos. Klammheimlich hoffte ich, dass man Kennzeichen wie bei Autos einführen sollte, um dem Unwesen Herr zu werden. So war ich, und nicht besser. Es war falsch, einfach falsch. Heute bin ich geläutert und erleuchtet, habe den wahren Wert der Sache erkannt.


Wer aufs Fahrrad steigt, der leistet einen Dienst an der Gemeinschaft, und ist es nicht klar, dass Gemeinnutz vor Eigennutz kommt? Er tut nicht mehr und nicht weniger, als die Volksgesundheit zu heben, indem er Rad fährt und sich körperlich ertüchtigt. Damit wechselt er seinen sozialen Status, man ist fast ein Priester, mindestens aber Ministrant der Gesundheit, die ja unser allerhöchstes Glück ist. So jemand muss einfach ein paar Privilegien haben, die seine Mühsal ausgleichen und den sozialen Rang gebührend erkennen lassen. Ausgegrenzt sein ist schwer, das mag als Entschuldigung für die späte Erkenntnis dienen. Nie konnte ich beim Studio- oder Sportarzt Tests machen und dann mit anderen meine Laborwerte diskutieren. Daran hinderte mich schon eine angeborene Sauerstoffallergie, ich bin darauf angewiesen, zu sehen, was ich atme, weshalb ich die Luft mit meine Pfeife koloriere.

So stehe ich hier als (Gründungs-)Mitglied der Selbsthilfegruppe "Fahrradfreier Sonntag". Über Anerkennung der Minderheit und Förderung aus einem Sozialtopf zu rechten wäre noch verfrüht, aber dahingehend werde ich noch Erfahrung sammeln und dann meine legitimen Ansprüche stellen.

Bislang kenne ich Selbsthilfegruppen aus dem Film Fight Club und - etwas lustvoller - aus China Blue. Letzteres muss ich noch durchdenken. Jedenfalls beginne ich damit, mich zu öffnen und einzubringen, meine subjektive Erfahrung mitzuteilen und im Gegenzug soziale Wärme und Verständnis zu empfangen.

Die Gründung der Bewegung hängt natürlich mit dem Frühlingsbeginn zusammen, was die Radfahrer wieder in Scharen aus den Fitnessstudios- und Bräunungstempeln (nur die Hautfarbe betreffend) locken wird. Weil man damit überall hinkommt, werden sie dann auch überall zu finden sein, ausgenommen die Wand ist senkrecht bis überhängend. Abgesehen von der übernommenen jüdisch-griechischen Kultur kommen unsere Vorfahren aus dem Wald, den ich als kulturelles Erbe betrachte.

Mit dem Rad durch den Wald zu düsen empfinde ich schlicht als Entweihung, für das Erlebnis (man hat auf dem Rad ohnehin den Tunnelblick) würde ein Fahrradtrainer vor der Bildtapete auch genügen. Kopftücher und Goldhauben sind durch moderne Papageiendressen abgelöst, heute fährt eine Familie einheitlich gekleidet auf dem Rad zu neuer Fitness.

Heidegger sagt, Verzicht nimmt nicht, Verzicht gibt. Ich bin bescheiden und brauche nicht so viel, deshalb will ich nicht verzichten. Allen anderen empfehle ich aber die Gnade des Verzichts, um dadurch noch mehr zu bekommen.

Am besten ein sonntäglicher Verzicht auf das Fahrrad.

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REINHARD KOCZNAR


SCHRIFTSTELLER