REINHARD KOCZNAR

Helden, missverstanden

Clint Eastwood mag missverstandene Helden. Das glaubte ein Rezensent anlässlich der Vorstellung von Eastwoods neuestem Film „Der Fall Richard Jewell“ zu erkennen. Der Rezensent und sein Medium bedürfen keiner Nennung, schreiben doch alle, wenigstens in unserem Sprachraum, redundant. Sie schreiben zudem in herablassendem Ton, bestenfalls nachsichtig.

‚Missverstanden‘ wähnt der Rezensent den Helden, weil er vom FBI verdächtigt wird, die von ihm entdeckte Bombe selbst gelegt zu haben. Das FBI hatte indessen nichts missverstanden, lediglich sein Programm abgespielt. In ihren Handbüchern haben sie Profile, und eines passt haargenau auf den Retter. Für den beginnt eine schlimme Zeit. Nicht genug, dass ihn das FBI am Schlafittchen hat, es gesellt sich eine Journalistin dazu und heizt kräftig ein.



Der Held ist also nicht missverstanden, sondern zu Unrecht beschuldigt und öffentlich geächtet durch Leute, die das Beste wollen und an ihre Handbücher glauben. Ein Anwalt glaubt aber an den Bedrängten und steht ihm bei. Nachdem er durch die Hölle gegangen ist erhält er vom FBI eine knappe Nachricht, dass er nicht mehr als Verdächtiger geführt ist. Causa finita. Später schreibt jemand ein Buch darüber und Clint Eastwood setzt es filmisch in Szene.

Ein Film, auch wenn er auf einer wahren Geschichte beruht, ist keine Dokumentation, sondern Drama. Das Drama lebt vom Gegensatz. Auf der einen Seite steht der Mann, der viele gerettet hat und Undank erntet, auf der anderen das System, das ihn verfolgt und bedrängt. Im deutschen Sprachraum ist dieser Ansatz undenkbar. Film ist hierzulande pädagogisch und redundant. Hierzulande ist es der fiese weiße Bioeuropäer, der den edlen Wilden, also Migranten, drangsaliert. Allenfalls hätte man einen Konflikt zwischen dem Helden und seiner Mutter konstruiert, denn Ehefrau hatte er keine.

Diesen Ansatz hatten die Macher des deutschen Films über Stauffenberg verwendet. Stauffenbergs Sohn beanstandete die fiktiven Elemente des Films als erfunden und unwahr. Die deutsche Kritik hat das nicht angefochten. Sie lobte die rückwirkende Geschichtskonstruktion in höchsten Tönen. Die Hollywood-Variante mit Tom Cruise als Stauffenberg ist dahingehend wesentlich besser. Den Unsinn eines familiären Konfliktes hat man nicht erfunden, stattdessen kommt deutlich herüber, wie allein Stauffenberg inzwischen war. Das System hatte alle Tatkräftigen längst eliminiert.

Eastwood hat sich für den Gegensatz, den er dramaturgisch braucht, an die Tatsachen gehalten. Es hat funktioniert. Dass ihm das die Kritik der Betroffenen eingebracht hat, die vorher einen andern betroffen gemacht hatten, war absehbar.

Denselben Weg wählte Eastwood bei seinem Film „Sully“. Sully (Kapitän Chesley Sullenberger) hatte am 15.1.2009 in einer aussichtslosen Situation 155 Menschenleben gerettet. Zwei Minuten nach dem Start seines Flugzeuges schlug ein Schwarm Vögel auf das Flugzeug auf und setzte beide Triebwerke außer Funktion. Die Maschine hatte lediglich 859 Meter Höhe und knapp 200 Knoten Geschwindigkeit erreicht. Sullenberger und sein Copilot analysierten in 30 Sekunden die Lage und trafen die richtigen Entscheidungen.

Aus dem Voice Recorder:

Die Checklist sah für den Neustart der Triebwerke eine Höhe von 20.000 Fuß vor, sie hatten aber nur 2.818 erreicht, und eine Geschwindigkeit von 300 Knoten, die auch nicht erreicht war. Die Checklist bestand aus drei Abschnitten, Zeit für Teil 2 und 3 war nicht vorhanden.

Im offiziellen Report steht dazu unter Punkt 3, Conclusions, 3.1 Findings: …not the first accident in which checklist design was recognized as a safety issue.

Sullenberger hatte die Hilfsturbine gestartet, lange bevor die Anweisung in der Checklist aufgetaucht wäre. Dadurch verfügte die Maschine bis zuletzt über elektrischen Strom.

Hinterher ist sagenhafter Unsinn geschrieben worden, wovor auch die deutsche Wikipedia nicht Halt machte. Nichts von alldem habe ich im offiziellen Bericht gelesen. Ich bin leidenschaftlicher Leser von derartigen Berichten, die heute online abrufbar sind. Sie umfassen meist 250 bis 300 A4-Seiten und beleuchten jeden Aspekt.

Eastwood hat aus der Episode, die nur wenige Minuten gedauert hat, einen abendfüllenden Film gemacht, der am Boden der Tatsachen geblieben ist. Den dramaturgischen Konflikt belässt er beim Gegensatz zwischen dem tatsächlichen Helden und den Untersuchungsbehörden. Er hat ihn ein wenig zugespitzt, was aber künstlerische Freiheit ist. Besondere Aufmerksamkeit erhält im Film der groteske Versuch von Airbus, mit Simulatorflügen nachzuweisen, dass die Maschine noch einen Flugplatz erreicht hätte. Sullenberger hatte das Kunststück fertig gebracht, auf dem Hudson zu wassern.

Nicht alle Versuche klappten, aber in jedem Fall waren die Testpiloten vorher genau informiert, zu welchem Zeitpunkt der Unfall geschieht und welche Schäden am Flugzeug auftreten würden. Sie hatten keine Sekunde gebraucht, um die Lage zu analysieren, sie hatten sich sogar vorher genau überlegen können, was zu tun ist. Als sie sich in den Simulator setzten hatten sie ihre Strategie ausgearbeitet und brauchten nur auf der Stelle zum gewünschten Ziel abzudrehen.

Nichts Neues unter der Sonne. Verdiente Leute herunter zu machen ist heute der Sport der ‚Erklärenden Klasse‘. In einer deutschen Variante des Films hätte der Held mit seiner Ehefrau gequengelt und sich deren Vorwürfe anhören müssen. Fehlt dieses elende Klischee im Film, springt die Kritik hilfreich ein. Zu einem der letzten Filme Chabrols, ‚Geheime Staatsaffären‘ mit Isabelle Huppert, fand ich nur Kritiken, welche das Zerbrechen der Ehe der Heldin thematisierten. Huppert spielt eine Untersuchungsrichterin, die einen Korruptionsfall aufrollt, der sich an die „Elf Aquitaine Affäre“ anlehnt. Um Befindlichkeit ging es in dem Film nicht, aber Tatkraft Einzelner ist von den Konformisten auch dann unerwünscht, wenn sie von Frauen kommt. Isabelle Huppert spielt eine Frau, die fanatisch ihre Mission verfolgt, die Ehe ist dabei lediglich Kollateralschaden. Ihr Ziel erreicht sie im Film wie es auch die Frau in der realen Vorlage erreicht hat. Die subtilen und weniger subtilen Versuche höherer Stellen, sie mit Beförderung und unerwünschter Unterstützung vom Ziel abzulenken, finden im Film ihren Platz, aber in der Kritik keinen Niederschlag.

Bei der Suche nach dem dramaturgischen Konflikt gibt es auch Lösungen, welche die Wahrheit bis zur Unkenntlichkeit entstellen und finanziell überaus erfolgreich sind. Ein besonders schändliches Beispiel ist der Film ‚Amadeus‘.

Das beginnt schon bei der Vorlage Shaffers und setzt sich unter der Regie Formans fort. Für die Dramaturgie gibt es auf einer Seite die Lichtgestalt Mozart, die er musikalisch zweifellos ist. Ihm wird eine konstruierte Version von Antonio Salieri gegenüber gestellt. Salieri war ein verdienter Musiker, unter dessen Schülern sich Namen wie Franz List, Franz Schubert und Ludwig van Beethoven finden. Um den dramaturgischen Gegensatz herbeizuführen wird Salieri als ‚Gott des Mittelmaßes‘ und rachsüchtiger Giftmörder vorgeführt. Es ist erbärmlich, unredlicher ist wohl selten in dieser Branche so viel Geld verdient worden.

Es geht also auch, wenn man bei realen Vorlagen nahe an der Wahrheit bleibt. Der Webseite Numbers entnehme ich, dass Eastwood mit seiner Sicht der Dinge als Regisseur weltweit 3.3 Milliarden Dollar verdient hat, als Produzent 2.9 Milliarden. Als Schauspieler waren es immerhin noch 2.4 Milliarden, wogegen er als Komponist lediglich auf 800 Millionen kommt. Dass er sich bei seiner Filmmusik anderswo bedient hat habe ich nicht herausgehört, aber gelegentlich in anderen Filmen. Die Panik, die im Takt 161 im ersten Satz von Tschaikowskys Pathétique ausbricht habe ich in einigen Streifen gehört, als ob die originale Partitur verwendet worden wäre.

Innerhalb einer Epoche gibt es keinen Standort, die Epoche zu überblicken, meint Goethe. Was den Film betrifft können wir zurück blicken. Diese Kunstform ist am Ende. Neben Clint Eastwood ist von den Regisseuren der allerersten Reihe nur mehr Martin Scorcese da. Die werden die Fackel noch einige Jahre tragen.

Die Oscar-Academy hat das erkannt und abgedankt. Sie hat den Konformisten, den unbeteiligten Zurufern am Rand des Spielfelds, nachgegeben und zugestimmt, dass ab 2024 Diversität und Inklusion zählen. Der Preis ist damit wertlos. Das macht nichts. Mein Archiv an Klassikern ist so groß, dass ich auf Neuerwerbungen verzichten kann.

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REINHARD KOCZNAR


SCHRIFTSTELLER