REINHARD KOCZNAR

Justizministerium zerschlägt ÖBB


Ziemlich reißerisch, überlegte MMag Thomas Frauenschuh im Homeoffice an seinem Laptop, aber andererseits, wirken soll es schon. Alternative Titel, die er überlegt hatte, ließen nicht auf den gewünschten Effekt hoffen. Er beschloss, es dabei zu belassen. Genauso sollte die Presserklärung anderntags hinausgehen.

Seine Dienstherrin, die Ministerin, wollte es so! Sie sollte es bekommen, zumal es ganz auf seiner Linie lag. Sie war diesmal verändert aus Amerika zurückgekommen. Wahrscheinlich hatte sie sich von den Bestrebungen der US-Justiz beeindrucken lassen, endlich die IT-Giganten zu zerschlagen. Dafür brauchten die Journalisten nicht den Sieg der Demokraten herbeizusehnen. Die Amerikaner unterschieden sich dahingehend nicht, ob alt und weiß oder anderswie, gleichgültig welchen Kandidaten sie wählen würden. Sie warteten nicht auf Nemesis, allzu großem Glück setzten sie selbst das fällige Ende.


Als erster hatte das Rockefeller mit seiner allmächtigen Firma Standard Oil erlebt, und Anfang der Achtziger die Telefongesellschaft AT & T, welche das Fernmeldewesen flächendeckend unter ihre Kontrolle gebracht hatte. Die Justiz hatte ihre Imperien filetiert, als sie alles beherrschten. Der nächste Kandidat hieß Google. Er war reif für das Verfahren. Google wusste inzwischen mehr als das FBI und die NSA zusammen und diktierten die Preise nach Belieben.

MMag. Frauenschuh ging die Presseerklärung noch einmal durch. Wenn sie ausgesandt war, dann würde endlich Schluss sein mit den spitzen Bemerkungen seiner Kolleginnen, dass er den Job als einziger Mann im Team nur wegen seines Familiennamens bekommen habe. Er überlegte, wie lange die Gewerkschaft brauchen würde, bis sie verstand, dass das ernst gemeint war. Das änderte nichts, egal, wie die Reaktion ausfallen würde.

Es war zu viel Geld im Spiel, das man anderweitig ausgeben konnte. Zu den Einnahmen, welche die Bahn aus ihrem Betrieb erlöste, flossen satte fünf Milliarden nur als Zuschuss hinein. Nicht, dass er das Heer besonders mochte, aber das erhielt nicht einmal die Hälfte für seinen gesamten Aufwand und lukrierte keine Einnahmen. Für eine Partei, die Transparenz hoch hielt, waren die Exklusivverträge mit den Ländern noch störender. Konkurrenz wurde nicht zugelassen. Die Westbahn mochte sehen, wo sie blieb, man ließ sie nicht einmal anbieten. Im letzten Jahr hatte der Nationalrat satte 9,46 Milliarden für sogenannte Verkehrsdienstverträge freigegeben. Man hatte dieses Geld als Direktvergabe der ÖBB zugeschanzt. Die erfolgte Anzeige wegen Untreue fürchtete niemand. Wie man sagt, das Geld ist nie weg, es hat nur wer anderer. Von dort kommt es nicht wieder zurück.

Besonders ärgerlich war das peinliche Abenteuer mit der Busflotte gewesen. Im Jahr 2013 hatten die Deutschen endlich den Fernbusverkehr ‚liberalisiert‘, also dessen Verbot abgeschafft, um der Bahn Konkurrenz zu machen. Die Amerikaner waren hundert Jahre früher, im Jahr 1914, soweit. Seit damals fuhren die Greyhound-Busse übers Land. Heute transportieren sie jährlich 22 Millionen Fahrgäste mit etwa 1.250 Bussen. Die Bahn war mit 28 Bussen eingestiegen und musste das Abenteuer nach nicht einmal einem Jahr mit massiven Verlusten einstellen. Besonders ärgerlich fand er, dass man Steuergeld verwendet hatte, um Busse zu kaufen und damit Leuten Konkurrenz machen wollte, die mit ihren Bussen Steuern bezahlen sollten. Glücklicherweise waren die linksgrünen Journalisten über die Sache hinweggegangen, es war nicht aufgefallen.

Die zerschlagenen US-Giganten waren danach nicht pleite gewesen, im Gegenteil, die daraus entstandenen Firmen hatten sich prächtig entwickelt. Das könnte auch bei der Bahn so funktionieren, überlegte er. Längst war ein Flugticket billiger als eines der Bahn. Warum sollte das hier nicht auch möglich sein? Immerhin werden die nicht subventioniert, müssen teure Flugzeuge kaufen, betreiben und warten, und von den Gutverdienern sieht man nur die Piloten. Das sind aber längst nicht alle, die brauchen viel hochqualifiziertes Personal. Dazu kommen die Werften mit teurer Ausstattung und ebensolchem Personal, und einen Bahnhof zu führen kann nicht schwieriger sein als einen Flughafen. Warum achten die Flughäfen darauf, dass man sie möglichst leicht erreicht, während die Bahnhöfe zusehen, wie man den Verkehr von ihnen abschneidet? Von der Flugsicherung, überlegte MMag. Frauenschuh weiter, gar nicht zu reden. Deren Ausstattung ist so umfangreich wie teuer und hochqualifizierte Leute braucht es dort auch.

Fliegen ist schlecht für die Umwelt. Im Augenblick behalf man sich eben damit, das einzugestehen und sich dabei ein wenig zu schämen. Was konnte man schon anderes tun?

Die Deutschen haben hundert Jahre gebraucht, um die amerikanischen Fernbusse nachzumachen, wir sind auf den Zug aufgesprungen. Bei dem Vergleich musste er schmunzeln. Die Weiche für den Fernbuszug war direkt auf das Abstellgleis gestellt gewesen, am Ende wartete der Prellbock. Wenn wir das nachmachen, was die Amerikaner mit Rockefellers Standard Oil gemacht haben, sind es nun auch hundert Jahre, wir schreiben das Jahr 2020.

Einen gewichtigen Einwand sah er voraus. Besorgte Bürgerinnen hatten gewarnt, dass derartige Aktivitäten das Ministerium von wichtigeren Aufgaben ablenken würden. Vor kurzem war es gelungen, wieder eine Autobahn zu verhindern. Auf der geplanten Strecke hatte man Brutstellen eines Vogels gefunden, der so selten war, dass man noch nicht einmal seinen Namen kannte. Die Initiative der Besorgten verlangte ein Gesetz, welches die Leugnung der Vogelart unter Strafe stellen sollte.

Der Einwand war nicht von der Hand zu weisen, überlegte MMag. Frauenschuh. Er wusste auch schon, wie das Problem zu lösen war. Von dem eingesparten Geld für die Bahn ließ sich ohne weiteres etwas erübrigen, um einen Lehrstuhl an der Uni mit eigenem Doktoratsstudium zu finanzieren. Damit wären die Besorgten eine Weile beschäftigt und seiner Ministerin verpflichtet.

Allmählich begann ihm sein Job Spaß zu machen.

Zurück ...

REINHARD KOCZNAR


SCHRIFTSTELLER